Weekly Digital

KI braucht weniger Hype. Dafür mehr Ehrlichkeit.

Warum künstliche Intelligenz nicht jede Arbeit ersetzt, aber sehr klar zeigt, wo Urteil, Verantwortung und echte Prozesse fehlen.

16. Juli 2026Kategorie: DigitalisierungLesedauer: 6 Minuten

Ich beschäftige mich mittlerweile täglich mit künstlicher Intelligenz.

Nicht, weil es gerade in Mode ist.

Sondern weil wir überzeugt sind, dass sie unsere Arbeitswelt grundlegend verändern wird.

Trotzdem habe ich das Gefühl, dass wir momentan über die falschen Dinge sprechen.

Die einen behaupten, KI werde in wenigen Jahren fast alle Jobs ersetzen. Die anderen halten das Ganze für einen kurzfristigen Hype.

Ich glaube, beide liegen daneben.

Die meisten Menschen nutzen KI falsch

Heute wird häufig darüber diskutiert, welches Sprachmodell besser ist.

GPT. Claude. Gemini. Morgen vielleicht wieder ein anderes.

Ganz ehrlich: Das interessiert mich immer weniger.

Denn in wenigen Jahren werden die grossen Modelle ähnlich leistungsfähig sein. Sie werden austauschbarer.

Der eigentliche Unterschied entsteht nicht durch die Technologie.

Sondern durch den Menschen, der sie einsetzt.

Wissen ist billig geworden. Urteilsvermögen nicht.

Vor zwanzig Jahren war Wissen ein Wettbewerbsvorteil.

Heute trägt fast jeder eine künstliche Intelligenz in der Hosentasche. Informationen sind jederzeit verfügbar.

Das bedeutet aber nicht, dass automatisch bessere Entscheidungen getroffen werden.

Im Gegenteil.

Je einfacher Wissen verfügbar wird, desto wichtiger werden Erfahrung, Einordnung und Verantwortung. Genau das kann KI nicht ersetzen. Zumindest heute nicht. Und vielleicht auch nie vollständig.

Ein Beispiel, das mir zeigt, wie konkret dieses Problem wird: die Immobilienbewertung.

Wenn eine Zahl objektiver aussieht, als sie ist

Immobilienbewertung ist einer der Bereiche, in denen KI auf den ersten Blick fast zu gut passt. Es gibt Zahlen, Flächen, Mieten, Transaktionen, Lageindikatoren, Baujahre und Zinssätze. Der Gedanke liegt nahe: Wenn genügend Daten vorhanden sind, müsste eine Maschine den Wert einer Immobilie schneller und vielleicht sogar besser bestimmen können als ein Mensch.

Teilweise stimmt das. Aber nur teilweise.

Ein automatisiertes Bewertungsmodell kann in Sekunden hunderte Vergleichsdaten prüfen, Angebotsmieten clustern und Abweichungen erkennen. Für Portfolios, Erstprüfungen oder Plausibilisierungen ist das ein echter Fortschritt.

Aber Immobilien sind unangenehm konkret.

Zwei Mehrfamilienhäuser können auf Papier fast identisch aussehen und trotzdem völlig unterschiedliche Risiken tragen. Gleiche Gemeinde, ähnliche Wohnfläche, vergleichbares Baujahr. Am Ende entscheidet vielleicht die Lärmsituation, ein Sanierungsstau, die Mieterschaft oder eine Mikrolage, die in keiner Datenbank sauber erfasst ist.

Wenn ein Tool sagt, ein Objekt sei CHF 18.4 Mio. wert, klingt das präzise.

Präzision ist nicht dasselbe wie Wahrheit.

Das Modell sieht, was digital vorhanden ist. Es sieht nicht automatisch, was wirtschaftlich entscheidend ist.

Genau hier zeigt sich, was ich meine: Die Technologie liefert die Zahl. Der Mensch muss wissen, was sie wert ist.

Warum verbringen wir noch Stunden mit Dingen, die längst automatisiert werden könnten?

Warum schreiben wir dieselben E-Mails immer wieder neu?

Warum erstellen wir Präsentationen von Grund auf?

Warum kopieren wir Informationen zwischen verschiedenen Systemen?

Nicht weil es notwendig wäre. Sondern weil wir uns daran gewöhnt haben.

Genau in diesen Routineaufgaben liegt der eigentliche Hebel von KI. Nicht darin, die finale Entscheidung zu treffen, sondern davor: Unterlagen strukturieren, Abweichungen markieren, Annahmen transparent machen.

Bei der Immobilienbewertung heisst das zum Beispiel: Was passiert, wenn der Unterhalt höher ausfällt? Wie verändert sich der Wert bei tieferen Marktmieten? Welche Annahme trägt das Ergebnis am stärksten?

Solche Fragen sind für gute Entscheidungen wichtiger als eine schnelle Zahl.

KI ersetzt keine Unternehmer. Sie macht gute Unternehmer besser.

Und schlechte schneller sichtbar.

Technologie verstärkt fast immer das, was bereits vorhanden ist.

Wer Chaos organisiert hat, produziert mit KI einfach schneller Chaos.

Wer klare Prozesse hat, wird produktiver.

Das gilt für ein Unternehmen genauso wie für ein Bewertungsmodell: Wer Datenqualität, Annahmen und Verantwortlichkeiten im Griff hat, gewinnt durch KI an Geschwindigkeit. Wer das nicht hat, bekommt einfach schneller falsche Ergebnisse.

Was ich kritisch sehe

Im Moment verkaufen viele Unternehmen KI als Wunderwaffe. Jede Software ist plötzlich AI-powered. Jede Präsentation spricht von Revolution.

Ich bin skeptisch. Nicht gegenüber KI. Sondern gegenüber diesem Marketing.

Am Ende interessiert niemanden, welches Modell im Hintergrund läuft. Interessant ist nur eine einzige Frage: Löst es ein echtes Problem?

Wenn die Antwort Nein lautet, ist es egal, wie intelligent die Technologie angeblich ist. Und wenn die Antwort Ja lautet, muss trotzdem jemand die Verantwortung für das Ergebnis übernehmen.

Eine unverstandene Bewertung, eine unverstandene Entscheidung, ein unverstandenes Modell: Das kann teuer werden, egal wie gut die Technologie dahinter ist.

Meine These

Ich glaube nicht, dass wir künftig weniger arbeiten. Ich glaube, wir werden anders arbeiten.

Routine verschwindet. Kreativität gewinnt. Verantwortung gewinnt. Vertrauen gewinnt.

Eine gute Bewertung, eine gute Entscheidung, ein gutes Unternehmen: Sie brauchen künftig beides. Daten und Urteil. Maschine und Erfahrung. Geschwindigkeit und Widerspruch.

Und genau deshalb bin ich überzeugt, dass der Mensch auch in Zukunft im Mittelpunkt stehen wird.

Nicht trotz KI.

Sondern gerade wegen ihr.

Fazit

Vielleicht ist künstliche Intelligenz gar nicht die eigentliche Revolution. Vielleicht ist sie nur der Auslöser.

Die wahre Veränderung beginnt dort, wo wir bereit sind, unsere Arbeitsweise zu hinterfragen.

Nicht jede Aufgabe muss automatisiert werden. Aber jede Aufgabe sollte hinterfragt werden.

Der Wert einer Entscheidung entsteht nicht im Modell. Er zeigt sich in der Realität.

Wer heute nur fragt, was KI alles kann, stellt aus meiner Sicht die falsche Frage.

Die spannendere lautet: Welche Arbeit sollte ein Mensch in zehn Jahren überhaupt noch selbst erledigen? Und wo darf eine Zahl niemals ohne menschliches Urteil stehen bleiben?

Darauf haben wir alle noch keine endgültige Antwort.

Aber genau deshalb lohnt es sich, heute darüber nachzudenken.

Quellen und Bezugspunkte

Zurück zur Digitalisierung