Persönlicher Kommentar

Sanieren, ohne zu verdrängen

Warum die Sanierung im bewohnten Zustand ein starkes Signal sein kann, aber nur, wenn Substanz, Zumutbarkeit und Wirtschaftlichkeit wirklich stimmen.

8. Juli 2026Kategorie: KommentarLesedauer: 5 Minuten

Die Nachricht aus Winterthur finde ich bemerkenswert: Die Überbauung Burgstrasse in Winterthur-Wülflingen mit 368 Wohnungen soll im bewohnten Zustand saniert werden. Laut den veröffentlichten Informationen sind acht Etappen über acht Jahre geplant. Die meisten Mieterinnen und Mieter sollen währenddessen bleiben können.

Ich finde diesen Ansatz sehr stark. Nicht, weil er einfach ist. Sondern gerade, weil er anspruchsvoll ist.

Wir haben vor Jahren bei einem kleineren Mehrfamilienhaus etwas Ähnliches umgesetzt. Eine Wohnung stand leer. Während jeweils eine Wohnung saniert wurde, konnte der Mieter oder die Mieterin vorübergehend diese Ersatzwohnung nutzen. Danach ging es weiter zur nächsten Wohnung. Das war organisatorisch nicht ganz ohne, aber es hat wunderbar funktioniert. Vor allem, weil man nicht nur in Bauabläufen gedacht hat, sondern in Menschen, Routinen und Vertrauen.

Genau das gefällt mir an solchen Lösungen: Sie zeigen, dass Immobilien nicht nur Excel, Baukosten und Rendite sind. Immobilien sind auch Zuhause. Nachbarschaft. Gewohnheit. Sicherheit. Wer eine Sanierung so plant, dass Menschen möglichst bleiben können, übernimmt Verantwortung über den reinen Objektwert hinaus.

Aber man muss bei aller Sympathie auch kritisch bleiben.

Eine Sanierung im bewohnten Zustand macht nur Sinn, wenn die Liegenschaft noch genügend Substanz hat. Wenn Tragstruktur, Grundrisse, Haustechnik, Brandschutz, Gebäudehülle und Erschliessung eine echte Zukunft zulassen, kann Weiterbauen sehr sinnvoll sein. Wenn aber nur kosmetisch saniert wird, obwohl das Gebäude strukturell am Ende ist, verschiebt man Probleme nur in die Zukunft.

Ebenso wichtig ist die Frage der heutigen Anforderungen. Eine Liegenschaft muss nach einer Sanierung nicht nur schöner sein, sondern besser funktionieren. Dazu gehören Energieeffizienz, Schallschutz, gute Grundrisse, zeitgemässe Nasszellen, sichere Zugänge und, wo möglich, hindernisarme oder behindertengerechte Lösungen. Gerade bei älteren Siedlungen darf man nicht nur den Bestand romantisieren. Man muss ehrlich prüfen, ob der erneuerte Bestand auch für ältere Menschen, Familien, Menschen mit Einschränkungen und den Alltag der nächsten Jahrzehnte taugt.

Auch die Zumutbarkeit ist zentral. Acht Jahre Bauzeit sind lang. Lärm, Staub, Provisorien, Umzüge innerhalb der Siedlung, Einschränkungen bei Bad, Küche, Lift oder Umgebung: Das alles ist für Bewohnerinnen und Bewohner belastend. Eine Sanierung im bewohnten Zustand braucht deshalb eine extrem gute Kommunikation, klare Ansprechpartner, echte Ausweichmöglichkeiten und einen Ablauf, der nicht nur auf dem Papier sozialverträglich klingt.

Und dann bleibt die finanzielle Seite.

Eine solche Lösung muss wirtschaftlich aufgehen. Für Eigentümer bedeutet das: Baukosten, Etappierung, Leerstandsverluste, Mietzinsentwicklung, Finanzierung, Förderbeiträge, Lebenszykluskosten und Risiken müssen sauber zusammenpassen. Für Mieter bedeutet es: Die Sanierung darf nicht unter dem Titel der Sozialverträglichkeit am Ende zu einer indirekten Verdrängung durch zu starke Mietzinssteigerungen führen.

Das ist die eigentliche Kunst: Bestand erhalten, Wohnraum verbessern, Mieten nur massvoll entwickeln und trotzdem ein tragfähiges Investment schaffen.

Ich glaube, dass solche Modelle künftig wichtiger werden. Nicht jede Siedlung muss abgerissen werden. Nicht jede Sanierung braucht Leerkündigungen. Aber auch nicht jede Liegenschaft eignet sich für eine Sanierung im bewohnten Zustand. Entscheidend ist eine ehrliche Analyse vor dem Entscheid.

Meine Haltung dazu ist klar: Wenn die Substanz stimmt, wenn die Bewohner fair begleitet werden, wenn Barrierefreiheit und Alltagstauglichkeit ernst genommen werden und wenn die Zahlen langfristig tragen, dann ist Sanieren im bewohnten Zustand eine der intelligentesten Formen von Immobilienentwicklung.

Es ist weniger spektakulär als ein Neubau. Aber manchmal ist genau das der bessere Weg.

Quellen und Bezugspunkte

Bild: Fassade eines Wohnhauses an der Burgstrasse, Quelle Terresta.

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