Marktlogik

Die Schweiz hat kein Nachfrageproblem. Sie hat ein Umsetzungsproblem.

Warum Einsprachen, langsame Bewilligungsverfahren und fehlende Digitalisierung mehr bremsen als die Nachfrage.

20. Juli 2026Kategorie: MarktlogikLesedauer: 5 Minuten

Wir wissen seit Jahren, dass Wohnraum knapp wird: mehr Menschen, kleinere Haushalte, gefragte Lagen, tiefe Leerstände. Überraschend ist nicht die Diagnose. Überraschend ist, wie wenig sich an der Umsetzung ändert.

Wohnraum entsteht durch Grundstücke, Kapital, Bewilligungen und Menschen, die Verantwortung übernehmen – nicht durch Absichtserklärungen.

Alle wollen mehr Wohnungen – aber ungern die Konsequenzen

Politisch klingt es einfach: mehr bezahlbarer Wohnraum, mehr Mieterschutz, mehr Nachhaltigkeit, mehr Verdichtung. Das Problem: Man kann nicht mehr Wohnungen fordern und gleichzeitig jedes einzelne Projekt mit zusätzlichen Auflagen, Unsicherheit und Zeitverlust belasten.

Regulierung ist nicht gratis – aber auch nicht grundlos

Jede Verzögerung, jede Einsprache, jede unklare Auslegung hat einen Preis. Er landet im Kaufpreis, in der Miete oder darin, dass gar nicht gebaut wird.

Das heisst nicht, dass Regulierung per se falsch ist. Mieterschutz, Ortsbildschutz und Einspracherecht existieren aus guten Gründen.

Gegenposition

Schnellere Verfahren nützen zuerst denen, die ohnehin schon Kapital und Projekte in der Pipeline haben. Beschleunigte Ersatzneubauten können in der Praxis genau jene Mieten nach oben treiben, die eigentlich günstiger werden sollten, weil bestehende, günstigere Bestandsmieten verschwinden.

Wer nur die Verfahrensdauer verkürzt, ohne die Verteilungsfrage mitzudenken, riskiert, das eine Knappheitsproblem gegen ein anderes einzutauschen.

Das ist ein legitimer Punkt, und er gehört in diese Debatte, nicht an ihren Rand. Er ändert aber nichts daran, dass die Summe gut gemeinter Regeln ein schlechtes Gesamtergebnis produzieren kann. Eine Regel, die Wohnraum verhindert, muss sich an ihren Folgen messen lassen.

Die Antwort ist deshalb nicht Stillstand, sondern beides zugleich: schnellere Verfahren und gezielter, verbindlicher Schutz für bestehende Mieter. Nicht Schutz durch Verfahrensdauer, sondern durch klare Regeln, die auch bei schnellem Bauen greifen.

Einsprachen sind kein Nebenthema

Eine Studie im Auftrag von ARE und BWO nennt Einsprachen und Rekurse als zentrale Ursache für verzögerte oder verhinderte Wohnbauprojekte. Rund 60 Prozent der befragten Fachpersonen sehen darin eine grosse Hürde.

Rechtsmittel dürfen deshalb nicht abgeschafft werden. Aber wenn wenige Akteure viel blockieren können, während Wohnungssuchende keinen Sitz am Tisch haben, entsteht eine Schieflage.

Wer eine Wohnung sucht, erhebt keine Einsprache gegen die Verzögerung. Er bezahlt später die Knappheit.

Aus der Praxis

Ein anonymisiertes Neubauprojekt an bester Lage im Kanton Luzern wurde über fünf Jahre durch alle Instanzen blockiert – von einem einzigen Nachbarn mit den finanziellen Mitteln, jede Instanz auszureizen, obwohl der Einwand inhaltlich kaum Substanz hatte.

Am Ende stand kein anderes Projekt, keine bessere Lösung, keine gewonnene Qualität. Es stand nur eine Wohnung weniger, fünf Jahre später als nötig.

Solche Fälle sind kein Einzelschicksal. Sie sind ein Systemmerkmal: Wer über genug Mittel und Geduld verfügt, kann ein Verfahren so lange in die Länge ziehen, bis es sich für ihn lohnt und für alle anderen nicht mehr.

Digitalisierung als Infrastruktur, nicht als Kosmetik

Ein digitaler Bewilligungsprozess müsste jederzeit zeigen: Wo steht das Projekt, welche Stelle blockiert, welche Frist läuft, was fehlt.

Das löst keinen politischen Zielkonflikt. Aber es macht sichtbar, wo ein Verfahren sachlich schwierig ist – und wo es einfach schlecht organisiert wurde.

Digitalisierung ist Infrastruktur. Nicht Kosmetik.

Auch Investoren müssen ehrlich sein

Nicht jedes Projekt ist gut, nicht jede Verdichtung intelligent, nicht jede Mietsteigerung nachhaltig. Das braucht aber ein besseres System, nicht mehr pauschales Misstrauen.

Gute Projekte sollten schneller durchkommen, schlechte klarer scheitern. Heute hängen oft beide im selben Nebel aus Verfahren und Verzögerung fest.

Was es braucht

  • schnellere, verbindlichere Bewilligungsverfahren
  • weniger Interpretationsspielraum bei klar zonenkonformen Projekten
  • digitalisierte Prozesse statt Papierlogik
  • klare Zuständigkeiten und transparente Fristen
  • griffigere Regeln gegen taktische Verzögerungen
  • mehr Ersatzneubauten dort, wo städtebaulich und sozial vertretbar
  • verbindlicher Schutz für bestehende Mieter bei Ersatzneubauten, statt Verfahrensdauer als einzigen Hebel gegen Verdrängung zu nutzen
  • eine ehrlichere Debatte über die Zielkonflikte zwischen Schutz, Verdichtung, Nachhaltigkeit und Bezahlbarkeit

These

Die Schweiz wird den Wohnungsmangel nicht lösen, solange sie Wohnraum politisch bestellt, aber regulatorisch ausbremst.

Kontrolle und Umverteilung allein schaffen keine bezahlbaren Mieten. Es braucht Angebot, Angebot braucht Umsetzung, und Umsetzung braucht den Mut, nicht jede Blockade als demokratische Qualität zu romantisieren – ohne dabei die berechtigten Einwände der Gegenseite zu ignorieren.

Wir haben in der Schweiz nicht zu wenig Erkenntnis. Wir haben zu wenig Umsetzung.

Quellen und Bezugspunkte

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