Marktlogik

Wenn der Zins nicht mehr das Problem ist

Warum tiefe Zinsen den Schweizer Markt für Anlageimmobilien wieder attraktiver machen, aber keine schwachen Annahmen retten.

8. Juli 2026Kategorie: MarktlogikLesedauer: 5 Minuten

Der Schweizer Immobilienmarkt steht wieder in einem Umfeld, das auf den ersten Blick angenehm wirkt. Die Zinsen sind tief, die Inflation ist unter Kontrolle, die Nachfrage nach Wohnraum bleibt hoch und Mehrfamilienhäuser werden von Investoren wieder sehr aktiv geprüft.

Das klingt nach Rückenwind. Und ja, es ist Rückenwind. Aber Rückenwind ersetzt keine saubere Prüfung.

Was ich aktuell im Markt besonders spannend finde: Der Zins ist für viele Investoren nicht mehr das Hauptproblem. Die Schweizerische Nationalbank hält den Leitzins bei 0 %. Auch die jüngsten Prognosen gehen davon aus, dass die Teuerung innerhalb des Zielbands bleibt. Damit ist ein Teil der Unsicherheit verschwunden, der in den letzten Jahren viele Transaktionen erschwert hat.

Aber genau hier beginnt die eigentliche Arbeit.

Wenn Finanzierung günstiger wird, entspannt sich nicht automatisch das Investment. Im Gegenteil: Tiefe Zinsen erhöhen oft den Druck auf die Preise. Viele Käufer rechnen wieder offensiver. Verkäufer sehen dieselben Marktberichte. Banken schauen zwar wieder konstruktiver auf Finanzierungen, aber nicht blind. Und gute Objekte werden nicht günstiger, nur weil der Leitzins tief ist.

Bei Anlageimmobilien darf man deshalb nicht nur fragen: Kann ich das Objekt finanzieren?

Die bessere Frage ist: Trägt das Objekt seine Bewertung auch dann, wenn nicht alles ideal läuft?

Genau dort trennt sich der Markt. Eine Immobilie mit stabiler Mietstruktur, nachvollziehbarer Substanz, solider Lage und realistischem Capex-Profil ist in einem tiefen Zinsumfeld sehr attraktiv. Eine Immobilie mit zu optimistischen Mietannahmen, unterschätztem Unterhalt oder schwacher Mikrolage wird durch tiefe Zinsen nicht automatisch besser.

Der Schweizer Mietwohnungsmarkt bleibt strukturell knapp. Tiefe Leerstände, anhaltende Nachfrage und begrenzte Bautätigkeit stützen die Erträge. Das ist ein starkes Fundament für Mehrfamilienhäuser. Gleichzeitig führt diese Knappheit dazu, dass Investoren bereit sind, mehr zu zahlen. Die direkte Rendite sinkt, und der Spielraum für Fehler wird kleiner.

Das ist der kritische Punkt: Ein guter Markt macht schlechte Annahmen gefährlicher, nicht harmloser.

Wer heute kauft, muss sehr nüchtern unterscheiden zwischen echter Qualität und bloss knapper Verfügbarkeit. Nicht jedes Objekt ist eine Investmentchance, nur weil Wohnraum gesucht ist. Nicht jede Miete ist nachhaltig, nur weil der Markt angespannt ist. Nicht jede Finanzierung ist solide, nur weil der Zinssatz wieder freundlich aussieht.

Ich glaube, dass 2026 für Anlageimmobilien ein gutes Jahr sein kann. Aber es wird kein einfaches Jahr für oberflächliche Käufer.

Gute Entscheidungen entstehen nicht aus Marktstimmung, sondern aus Struktur:

  • Wie belastbar ist der Netto-Cashflow?
  • Wo liegen die realen Investitionsbedarfe?
  • Welche Mietverhältnisse sind stabil, welche sind politisch oder wirtschaftlich sensibel?
  • Wie reagiert das Objekt auf höhere Finanzierungskosten, Leerstand, Sanierung oder regulatorische Eingriffe?
  • Ist der Preis durch Substanz gedeckt oder nur durch Nachfragefantasie?

Für Eigentümer ist das ebenfalls relevant. Wer verkaufen will, sollte nicht einfach auf das bessere Zinsumfeld hoffen. Entscheidend ist, ein Objekt so aufzubereiten, dass Käufer und Banken die Qualität schnell erkennen können. Gute Unterlagen, klare Miet- und Kostenstruktur, nachvollziehbare Preislogik und ein kontrollierter Prozess sind heute wichtiger als laute Vermarktung.

Für Käufer wiederum gilt: Geschwindigkeit ist wertvoll, aber nur, wenn sie auf Vorbereitung basiert. Wer erst im Prozess beginnt, das Objekt wirklich zu verstehen, bezahlt oft entweder zu viel oder verliert die guten Gelegenheiten.

Mein Fazit ist deshalb bewusst zweigeteilt:

Ja, der Markt für Schweizer Anlageimmobilien ist wieder attraktiver geworden.

Nein, das bedeutet nicht, dass man weniger kritisch sein darf.

Vielleicht ist genau das die wichtigste Haltung für die nächsten Monate: Der Zins ist nicht mehr das grösste Hindernis. Aber der Preis, die Substanz und die Annahmen bleiben es.

Und am Ende entscheidet nicht das Zinsniveau über ein gutes Investment, sondern die Frage, ob die Immobilie unter realen Bedingungen trägt.

Quellen und Bezugspunkte

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